Etwa vier von fünf Frauen bekommen im Laufe ihres Lebens mindestens ein Kind. Aber was, wenn der Kinderwunsch zur Herausforderung wird?
Die Frage nach dem Kinderwunsch ist für Frauen in den 30ern beinahe obligatorisch. Jede von uns muss sie früher oder später beantworten – und die meisten sagen irgendwann „Ja“ zum Nachwuchs. Statistisch bekommen trotz sinkender Geburtenrate noch immer vier von fünf Frauen mindestens ein Kind im Laufe ihres Lebens. Kinder bekommen scheint also eigentlich kinderleicht, oder?
Nicht für jedes Paar, nicht für jede Frau.
Etwa 10 bis 15 Prozent der Frauen, die sich ein Kind wünschen, bleiben trotzdem kinderlos. Die Ursachen dafür sind vielfältig, die Auswirkungen eines unerfüllten Kinderwunsches sind oftmals dramatisch. Denn kaum ein Traum sitzt tiefer, als die Sehnsucht nach einer eigenen Familie. Eine, die weiß, wie sich das Ganze anfühlt, ist Marie von den Benken. Die deutsche Journalistin hat acht Jahre lang versucht, gemeinsam mit ihrem Partner Alexander ein Kind zu bekommen.
Mittlerweile sind die beiden glückliche Eltern des kleinen Luca. Über die prägende Zeit zwischen Kinderwunsch und Kinderglück hat die Mutter jetzt ein Buch geschrieben. Uns hat von den Benken erzählt, was die größten Herausforderungen der Kinderwunschbehandlung waren, wie sie als Paar das Ganze überstanden haben und was das Leben mit Kind wirklich ausmacht.
Das Thema Kinderwunsch beschäftigt dich schon eine Weile. Mittlerweile bist du stolze Mama. Warum hast du genau jetzt ein Buch über euren schwierigen Weg in die Elternschaft geschrieben?
Marie von den Benken: Es ist mein Versuch, aus Schweigen Sprache zu machen und aus Ohnmacht eine Landkarte. Während der Jahre, in denen unser Kinderwunsch unerfüllt blieb, hätte ich mir ein solches Buch gewünscht. Acht Jahre lang habe ich gehofft, gezweifelt, recherchiert und irgendwie versucht, der Ohnmacht ein wenig zu entkommen. Als Luca schließlich da war, stand ich da, überglücklich, mit unserer Geschichte und einem Berg an Wissen, dass ich in all den Jahren angehäuft hatte. Beides möchte ich unbedingt weitergeben. Und genau jetzt habe ich alle Erlebnisse und Fakten zusammen und noch dazu das Gück, die Reise mit einem Happy End abgerundet zu haben. Vorher wäre es nicht vollständig gewesen.
Du sagst, du hättest dir selbst ein Buch wie deines gewünscht. Was hat dir auf deiner Kinderwunschreise konkret gefehlt?
Eine Art Wegbegleiter, um das Gefühl der Isolation aufzulösen – vor allem einen, der sagt: „Du bist nicht allein“. Und der mir gleichzeitig erklärt, welche Wege es gibt, wann welcher Schritt sinnvoll ist. Der mir hilft, wie und wann man Entscheidungen trifft, wenn man feststellen muss, dass man sich weder auf den eigenen Körper noch auf den Kalender oder den eigentlich doch „natürlichsten Prozess der Welt“ – wie eine Schwangerschaft oft genannt wird – verlassen kann. Mir fehlten außerdem die Wahrnehmung und der Diskurs zu diesem wichtigen Thema in der Öffentlichkeit.
Inwiefern?
Wir brauchen mehr ehrliche Geschichten über Erwartungen, Erfahrungen, Fehlversuche, darüber, wie man das alles verarbeitet hat und über die Müdigkeit dazwischen. Es gibt so viele dieser Geschichten, sie werden aber nach wie vor meistens nur im ganz kleinen Kreis angesprochen. Wenn überhaupt.
Du brichst dieses Tabu und erzählst von allen Hürden auf dem Weg zum Kinderglück. Was hat deinen Kinderwunsch genährt?
Vor allem die Liebe zu meinem Partner Alex und die Sehnsucht, meine sehr ausgeprägte Seite als „mütterlicher“ Mensch auszuleben und diese Liebe weiterzugeben. Eine Schulfreundin von mir aus der fünften Klasse, ihr Vater war Pastor, hatte so einen gestickten Teppich im Wohnzimmer an der Wand hängen. Darauf stand: „Wo man Liebe aussäht, da wächst Freude empor“. Einfach nur ein Satz. Aber ich habe ihn behalten und oft an ihn gedacht. Heute weiß ich: Luca ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass er zutreffend ist. Und ich hatte viel geübt, wenn man so will. Wir hatten uns auch mit unseren Katzen schon wie eine kleine Familie gefühlt. Man kann beides nicht vergleichen, klar, aber die grundsätzliche Ausrichtung ist: Wir möchten und können Verantwortung für schutzintensive Lebewesen übernehmen und ihnen das bestmögliche Leben bieten.
Welche Rolle haben gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder dabei gespielt?
Die Gesellschaft hat mich bei meinem Kinderwunsch ambivalent begleitet. Der Grund dafür lag allerdings auch in mir selbst. Wir leben in einer „Kultur des Schweigens“, so nennt es die Soziologin Marcia Inhorn: Erfolge werden erzählt, multipliziert und glorifiziert. Enttäuschungen und Fehlschläge hingegen verblassen. Auch ich habe geschwiegen. Lange haben mein Freund und ich niemanden eingeweiht, alles unter uns beiden ausgemacht. Nicht mal unsere Eltern oder Geschwister wussten bescheid.
Wann kam der Wendepunkt?
Mit dem Schritt in die Klinik und dem Schritt, zumindest die engsten Vertrauten einzuweihen, wurde alles erträglicher. Genau deshalb wollte ich meine Geschichte teilen – damit andere die eigene nicht mehr hinter geschlossenen Türen erzählen müssen. Und aus meinem langen Zögern, darüber zu kommunizieren, lernen. Denn das war ein Fehler. Schweigen macht schutzlos und allein. Aber man muss nicht allein sein.
Was war eure größte Hürde auf dem Weg zum Kinderglück?
Die größte emotionale Hürde war das Warten. Wir hatten keinen zeitlichen Rahmen und keine Garantie auf eine Perspektive. Es ist etwas anderes, eine Frist zu haben, als in einer Endlosschleife zu stecken, in der Hoffnung und Ernüchterung sich Monat für Monat abwechseln. Dieses Gefühl, im Unbestimmten festzustecken, hat mich zermürbt. Es war wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“, nur nicht als Komödie.
Und welche strukturellen Herausforderungen gab es?
Zum einen die hohen Kosten einer Kinderwunschbehandlung. Wir hatten Glück, es war für uns machbar – doch für viele bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, weil die finanziellen Möglichkeiten eine Behandlung ganz einfach nicht zulassen. Das sollte politisch geändert werden. Wir können nicht als Land daran verzweifeln, dass immer weniger Kinder geboren werden, aber dann die Familien, die unbedingt Eltern werden möchten, im Regen der Unbezahlbarkeit stehen lassen. Zum anderen war es der Umgang mit der Klinik selbst: Ich habe mich dort mit der Zeit immer unwohler gefühlt, blieb aber trotzdem.
Warum das?
Der Aufwand eines Wechsels schien mir zu groß, die Vorstellung, woanders wieder ganz von vorne anfangen zu müssen, lähmte mich. Und irgendwie denkt man ja auch: Das sind Ärzte, Experten mit jahrelanger Erfahrung. Was weiß ich schon. Aber heute weiß ich: Das stimmt nicht. Man kann wechseln, man kann ein besseres Gefühl für seinen Körper haben als sogenannte Experten – und man sollte entsprechend auch konsequent sein, wenn das Bauchgefühl sagt, etwas passt nicht. Bei mir war das jedenfalls der entscheidende, wichtigste Schritt.
„Die Geburt war schließlich wie ein Spiegel der gesamten Reise: zäh, kompliziert, voller Umwege - und doch mit dem schönsten Ergebnis.“
Der Wechsel war entscheidend für den Erfolg der Behandlung. Was hat deinem Partner und dir außerdem geholfen, diese herausfordernde Zeit zu überstehen?
Wir haben irgendwann gemerkt: unsere Liebe steht über allem, auch einem Kinderwunsch. Und dass wir – egal wie der Weg ausgeht – zusammenbleiben wollen. Das war extrem erleichternd. Auch Psychotherapie hat mir Raum gegeben, Angst, Schuld und Fragen auszusprechen. Unsere Katzen waren ein großer Trostspender – jeder, der eigene Haustiere hat, kann das nachvollziehen. Jeder noch so traurige Tag wird erträglicher mit einer schnurrenden, weichen Katze, die sich an einen kuschelt. Wichtig war für uns außerdem der fertig zu Ende gedachte Plan B: Die Optionen Adoption oder Pflegekind. Das gab uns stets die Gewissheit, dass es alternative Wege gibt.
Wie hat die Kinderwunschreise euch als Paar verändert?
Diese Jahre waren eine Zerreißprobe und gleichzeitig der Klebstoff zur Ewigkeit. Wir haben gestritten, geschwiegen, gezweifelt – und sind geblieben. Heute lassen wir nicht mehr zu, dass äußere Parameter uns gegeneinander ausspielen. In der Rückschau hat uns diese Zeit nicht nur erschöpft, sie hat uns auch widerstandsfähiger und liebevoller miteinander gemacht.
Was hättest du gerne vor der Kinderwunschreise gewusst?
Ich hätte gerne früher gewusst, dass man sich schneller Hilfe holen darf – und dass das kein Aufgeben ist, sondern Fürsorge für sich selbst und die Beziehung. Ich hätte gerne gewusst, dass es so viele Familien gibt, die von einem unerfüllten Kinderwunsch betroffen sind, denn das sind immerhin 10 bis 15 Prozent der Paare. Und wie entlastend und aufbauend es ist, darüber mal offen zu sprechen. Vor allem hätte ich gerne früher verstanden, dass Weiblichkeit nicht an Fruchtbarkeit gebunden ist und dass Bauchgefühl in medizinischen Prozessen ein guter Kompass bleiben darf.
Ihr hattet Glück – und irgendwann einen positiven Schwangerschaftstest. Wie war es, nach all den Jahren endlich schwanger zu sein?
Es war überwältigend – und zugleich beängstigend. Mit dem zweiten Strich auf dem Test kamen sofort ganz neue Sorgen: Bleibt die Schwangerschaft stabil? Ist das Kind gesund? Ich habe verstanden, dass Mutterschaft nicht mit dem Test beginnt, sondern mit der Fähigkeit, Sorgen wie kleine Warnschilder wahrzunehmen, ohne sie das Steuer übernehmen zu lassen. Die Geburt war schließlich wie ein Spiegel der gesamten Reise: zäh, kompliziert, voller Umwege – und doch mit dem schönsten Ergebnis. Als Luca da war, war nicht alles vergessen, aber ich konnte meinen Frieden schließen. Die Demut darüber, dass es geklappt hatte, überstieg die Strapazen der acht Jahre und der Schwangerschaft und Geburt um Längen.
Wie ist das lang ersehnte Leben mit Kind nun?
Ich habe mir vorgestellt, dass ein Kind unsere Geschichte krönt. In Wahrheit schreibt ein Kind aber eine ganz neue Geschichte. Und diese Geschichte ist chaotischer, wuchtiger, wahrhaftiger als ich dachte. Und genau deshalb: schöner. Luca ist neugierig, sensibel und offen. Wenn er lacht, strahlt sein ganzer Körper. Er führt Freudentänze zur Begrüßung auf, dreht sich wackelnd im Kreis und erleuchtet jeden Raum. Gleichzeitig lerne ich jeden Tag, die Balance zu halten: zwischen Beschützen und Loslassen, zwischen Struktur und Freiheit. Es ist sicher nicht alles so geworden, wie wir es uns ausgemalt haben – aber genau in diesem Ungeplanten und Unvorhersehbaren liegt glaube ich das Glück.
Zur Person
Marie von den Benken ist Autorin und Kolumnistin und als @regendelfin auf Social Media aktiv. Sie schreibt für mehrere deutsche Medien und lebt gemeinsam mit Mann, Kind und Katzen in Hamburg.
Unser Buchtipp:“Das Leben ist kein Kinderwunschkonzert“ von Marie von den Benken, 304 Seiten, 18 Euro.